DANIEL CHATARD
Fotograf

Tod 2.0

Die Anhänger der Kryonik entscheiden sich für das Leben - ​und lassen sich nach dem Tod einfrieren.

 

von Benjamin Thieme und Daniel Chatard

Der Raum ist gekachelt, ohne Fenster, er sieht ziemlich steril aus. Im Hintergrund surren Geräte, die ich noch nie gesehen habe und deren Funktion ich nicht kenne. Vor uns steht Klaus Sames, er hat seine Werkzeuge auf einem Präparationstisch bereitgestellt.

 „Wir schneiden das Brustbein in der Mitte mit einer Säge auf“, erklärt er uns. Ich suche nach einer besseren Perspektive mit meiner Kamera und baue sie am Eingang des Raumes in einem Ulmer Balsamierinstitut auf. Drehe mich nach links – und zucke zusammen. Direkt vor mir liegt eine abgedeckte Leiche, nur die Füße schauen heraus, sie muss wohl schon etwas älter sein. Es ist das erste Mal, dass ich einem toten Menschen so nahe bin.

 

Besonders ungewöhnlich ist das in unserem modernen Zeitalter wohl nicht. Wer sich im Alter nicht mehr selbst versorgen kann, kommt in ein Pflegeheim, fast jeder zweite ältere Mensch stirbt in der Klinik, bei der Beerdigung sehen die Angehörigen nur noch einen Sarg oder eine Urne. Der Tod wurde mehr und mehr an den Rand des Lebens geschoben, er findet keinen Platz in der modernen, säkularen Welt.

Klaus Sames dagegen beschäftigt sich wohl jeden Tag mit ihm: ​„Wir sind Ausnahmetypen, die den Tod nicht verdrängen können. So wie wenn man in die Sonne schaut, sehen wir den Tod mit Wucht.“. „Wir“, das sind die Kryonikanhänger.

Dass die Chancen, dass alles genau so klappt wie in ihrer Vorstellung, momentan alles andere als gut stehen, ist den meisten Kryonikern selbst bewusst. Die Probleme fangen schon vor dem Einfrieren an. Sobald der Körper tot ist, beginnt für die Kryonikanhänger ein Wettlauf gegen die Verwesung.

Bei normalen Temperaturen beginnt der Zelltod rasch einzusetzen, und so vergeht, bis der Körper heruntergekühlt wird, wertvolle Zeit. Und auch dieser Schritt bringt große Probleme mit sich: Gefriert beim Kühlen nämlich das Wasser in den menschlichen Zellen, bilden sich Eiskristalle. Deren Bildung wiederum würde die Zellen zerstören.

​Die Kryoniker versuchen deshalb, das Blut im Körper durch Frostschutzmittel zu ersetzen, das bei Gefriertemperaturen verglast anstatt sich auszudehnen. Dennoch können mit dieser Methode nicht alle Zellen des Körpers geschützt werden.

 

Fest steht, dass der Körper mit den momentanen Methoden der Kryokonservierung unweigerlich Schäden davonträgt, die von der Medizin der Zukunft behoben werden müssten. Wenn man sich die anderen Herausforderungen ansieht, scheint dieses allerdings fast schon das geringste Problem zu sein. Schließlich müsste, sobald der Körper wieder aufgetaut wäre, auch die Todesursache rückwirkend geheilt werden. Man stelle sich nur einmal einen altersschwachen Patienten vor, der von den Medizinern der Zukunft wieder zum Leben erweckt wird – nur um kurz darauf wieder zu sterben. In diesem Fall müsste man ihn verjüngen können.

Würde man also nicht dazu übergehen, den Menschen neue Körper zu klonen, müsste jede einzelne Zelle des Körpers „repariert“ werden. Das eine wie das andere scheint zumindest heute ziemlich unvorstellbar.

 

Dennoch muss man den Kryonikern einige wichtige Fortschritte zugestehen. So gelang es beispielsweise dem Kryobiologen Greg Fahy bereits 2002, eine Hasenniere in flüssigem Stickstoff einzufrieren und eine Woche später wieder aufzutauen, um sie einem lebendigen Hasen zu implantieren. Warum sollte es dann unmöglich sein, diese Methode beim Menschen anzuwenden?

 

Fest steht: man kann momentan nicht beweisen, dass Kryonik funktioniert. Genauso wenig kann man jedoch beweisen, dass sie nie funktionieren wird. Was aber bewegt einen Menschen dazu, so viel Energie, Zeit und Geld in ein Vorhaben zu stecken, dessen Erfolgschancen selbst aus Sicht von Kryonikern minimal sind? Der Preis für die Kryokonservierung und Lagerung beim Cryonics Institute in Detroit liegt aktuell bei 28.000 Dollar, bei Alcor in Arizona liegt er noch deutlich höher.

 

Das durchschnittliche Sterbealter ist so hoch wie nie, warum sollte uns ein normales Leben also nicht reichen? Haben Kryonikanhänger einfach eine riesige Angst vor dem Tod? Begegnet man Karen Conrad, kann man sich leicht vom Gegenteil überzeugen lassen. Lebensfroh und energisch wirkt sie, man fragt sich unwillkürlich, warum solch eine Person sich überhaupt so sehr mit dem Tod auseinandersetzt.

Conrad ist gemeinsam mit Klaus Sames in einem Team, das Kryonikinteressierte in Deutschland nach dem Tod so gut wie möglich einzufrieren versucht. Lagern können sie die Körper in Deutschland nicht, deswegen müssen diese für den Transport in die USA vorbereitet werden.

Genauso wie die etablierten Methoden der Biomedizin, versucht die Kryonik, das Leben der Menschen zu verlängern. Gegen diesen Wunsch ist natürlich nicht viel einzuwenden, denn das ist per se Ziel der Medizin.

 

​Mit den wachsenden technologischen Möglichkeiten stellt sich die Frage, wann und wo ihr eine Grenze gesetzt werden sollte, aber auch, wann ein Mensch eigentlich wirklich tot ist. Noch vor 200 Jahren wurden Menschen zu einem Zeitpunkt für tot erklärt, an dem man ihnen heute mithilfe einer Herzrhythmusmassage möglicherweise das Leben retten könnte. Die Definition, wann ein Mensch tot ist, hat sich also mit den verbesserten medizinischen Möglichkeiten verschoben.

An welchem Punkt sollten medizinische Maßnahmen verboten werden, auch wenn sie das Leben verlängern könnten? Die Transplantation von Organen wird zwar kontrovers diskutiert, ist aber legal. Eingriffe in das menschliche Erbgut sowie alle Arten des Klonens dagegen werden beinahe einhellig als unethisch empfunden und sind zumindest in Deutschland verboten.

 

Die ethische Grenze der Medizin muss mit ihren wachsenden Möglichkeiten auch neu diskutiert werden. Sie hängt maßgeblich von unserer Definition des menschlichen Individuums und seinem Bewusstsein ab. Sprechen manche Menschen dem Körper eine nicht verortbare Seele zu, gehen die Kryoniker davon aus, dass die DNS sowie die Synapsen des Gehirns alle wesentlichen Bewusstseinsinhalte des Gehirns in sich tragen. Macht also allein die einzigartige Anordnung von Molekülen in unserem Erbgut unser Wesen aus?

Sheffield, England. Im Konferenzraum eines Hotels haben sich etwa 20 Menschen im Kreis versammelt. In der Mitte steht Tim Gibson, neben ihm ein Plastikmodell eines menschlichen Oberkörpers. Gibson leitet ein Training für die Organisation Cryonics UK, bei dem die Teilnehmer die wichtigsten Schritte bei der Vorbereitung des Körpers für die Kryopreservierung lernen sollen.

 

In einem medizinischen Bereich gearbeitet hat Gibson, wie auch die anderen Mitglieder der Organisation, nie. Anders als der Kardiotechniker David Gifford. Er ist nur zu Gast beim Training – und hat dennoch einige Einwände. Immer wieder unterbricht er Gibson, bemängelt die Vorgehensweise oder gibt Verbesserungs-vorschläge. „Mit meinem medizinischen Hintergrund habe ich ein intellektuelles Interesse an der Kryonik“, sagt er. Unter den aktuellen Umständen würde er sich aber noch nicht einfrieren lassen.

 

Einige Teilnehmer verlassen das Training früher als geplant. ​„Nicht alle möchten gerne so viele Details hören“, schließt Gibson, „das wird ihnen vielleicht zu kompliziert“. Angesichts der Aufgabe, verstorbene Menschen möglichst gut für die Medizin der Zukunft zu präservieren, erscheint es unprofessionell, wenn manche Teilnehmer solch ein Training als „zu kompliziert“ bezeichnen. So beschleicht einen das Gefühl, dass es manchen Menschen weniger um die Maximierung ihrer Überlebenschancen als um den reinen Glauben an eine Chance, den Tod zu bezwingen, geht.

„Auch mit der Kryonik wird die Mortalität beim Menschen immer bei 100 Prozent liegen“, sagt Gifford. Der Tod ist das einzig Sichere im Leben, er definiert es. Beinahe jede Religion auf der Welt hat ihre eigenen Vorstellungen von einem Jenseits, irgendeiner Form von Leben nach dem Tod. In unserer heutigen westlichen Gesellschaft spielt die Frage nach dem Jenseits für immer weniger Menschen eine Rolle. Kryonikanhänger wie Klaus Sames glauben nicht mehr an Gott, sie glauben an die Wissenschaft. So hat auch der Tod für sie immer mehr an Bedeutung verloren, ihn gilt es nun zu überwinden. Die Kryonik soll ihn zu einem reversiblen Ereignis machen.

 

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir uns als Individuen und als Gesellschaft wieder stärker mit dem Tod auseinandersetzen und unsere Haltung zu ihm sowie zu neuen lebensverlängernden Maßnahmen überdenken. Sollte es irgendwann dazu kommen, dass Methoden wie die Kryonik realistische Überlebenschancen bieten, wird es unsere Entscheidung sein, ob und in welcher Form wir diese annehmen.